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LESEPROBEN 18.1 | Zeitgeschichte 1

   „Hanswürsten und Kleinkrämern wie Napoleon, Friedrich II. oder Chamberlain, die uns die Welt mit Pulver zu erobern versprechen, können wir gleich den Laufpass geben. Die Erfahrung der Jahrtausende verurteilt diese Mittelchen als für den Zweck völlig unzulänglich. Das Pulver zersprengt und teilt. Und was wir brauchen, ist das gerade Gegenteil, ein Kitt zur Vereinigung, ein in der Glut christlichen Feuers geborener Gedanke zum Verschmelzen der Scherben unserer durch heidnische Gebräuche zertrümmerten Erdkugel.“

Krieg und Bodenmonopol (1904), in: Band 3, S. 325.


   „Bismarck sah in Währungsfragen wirklich nicht weiter als irgendein Bauer. War er es nicht, der dem vom kaufmännischen Standpunkt direkt wahnsinnigen Gedanken ausgeheckt hatte, Frankreich die Kriegskontribution von fünf Milliarden aufzuerlegen, um Deutschland mit diesem Geld zu überschwemmen?“

Freihandel oder Schutzzoll? (1912), in: Band 7, S. 121 – 122.


   „Arbeiter aller Parteien, Bauern, seid einig gegen den Menschen und Völker verhetzenden Kapitalismus! Einigt euch auf folgendes Aktionsprogramm:
1. Allgemeine große Vermögensabgabe zur Finanzierung folgender Aufgaben:
   a )  Sicherung gerechter Fürsorge für alle Kriegsbeschädigten unter
         Erweiterung dieses Begriffes auf alle gesundheitlich und seelisch
         Geschädigten;
   b )  Sicherung gerechter Fürsorge für alle Arbeitslosen und für alle, die durch
         den Krieg in Not gerieten und noch geraten werden;
   c )  Sicherung der Fürsorge für die Hinterbliebenen;
   d )  Aufteilung des Großgrundbesitzes und Erstellung von Heimstätten für das
         ländliche und städtische Proletariat;
   e )  Beschaffung von Nutzvieh und Arbeitsgerät für diese Heimstätten;
   f )  Tilgung aller Staats- und Gemeindeschulden.
2. Einhergehend mit diesen finanziellen Aktionen soll mit grundstürzenden Reformen volkswirtschaftlicher Natur dem Kapitalismus zu Leibe gerückt werden, so dass seine Rückkehr für alle Zeiten ausgeschlossen bleibt: durch Freiland und Freigeld.                                                                               Gesell“

Aktionsprogramm (14. April 1919), in: Band 10, S. 276.


   „Allzu lange hat das arbeitende Volk darauf warten müssen, dass endlich einmal mit der großen Vermögensabgabe Ernst gemacht werde. Das Volksfinanzhaus hat keine Zeit verloren und ist schon jetzt in der Lage, einen ungefähren Plan aufzustellen, nach dem gehandelt werden wird. Nebensächliche Änderungen bleiben vorbehalten je nach dem Ergebnisse der zur Zeit in Vorbereitung befindlichen Vermögensstatistik.
   Dass die Abgabe nach oben gestaffelt sein muss, ist selbstverständlich. Die kleinen Leute müssen weitgehend geschont, die Reichen entsprechend belastet werden.“

Die große Vermögensabgabe (14. April 1919), in: Band 10, S. 277.


   „So werden wir vor allem daran gehen, unserer Volkswirtschaft diesen moralischen Untergrund zu erstellen. Wir werden das Recht auf den vollen Arbeitsertrag und die daraus entspringende Verneinung des Rechts auf arbeitsloses Einkommen ausrufen mit allen daraus sich ergebenden Folgerungen. Um ferner der aus der Verzweiflung über den vollkommenen Misserfolg der bisherigen revolutionären Arbeiterpolitik herrührenden allgemeinen Verdrossenheit des Proletariats, dem Hang zur Gewaltanwendung, zum Streik und zur Sabotage zu begegnen, werden wir mit kräftiger Hand und mit zielbewussten Reformen den Abbau des Kapitalismus in die Wege leiten und so im Arbeiter eine frohe Hoffnung erwecken. … Wir werden sofort die für die endgültige Überwindung des Kapitalismus nötigen durchgreifenden Reformen Freiland und Freigeld in Angriff nehmen und können dann zuversichtlich hoffen, dass die mit diesen beiden Reformen unmittelbar sich zeigenden Wirkungen das gesamte werktätige Volk für unsere neue demokratische Staatsverfassung gewinnen, es den Lockungen der Reaktion endgültig verschließen werden, und dass so unsere fernere politische Entwicklung in friedliche Bahnen geleitet wird und uns die sonst unabwendbaren blutigen Lösungen erspart bleiben werden.“

Not-Wirtschaftsprogramm für die sozialistische Einheitsfront (Dezember 1919),
in: Band 10, S. 328.


   „In der Erkenntnis, dass die Wirtschaft nicht gesunden und auch keine politische Beruhigung eintreten kann, solange die Währungsfrage ungelöst bleibt, stellen wir die Währungsfrage an die Spitze unseres Wirtschaftsprogramms. … Das nächstliegende Ziel ist die Stilllegung der Notenpresse, was die Bilanzierung des Reichsetats ohne die Notenpresse voraussetzt. … Die laufenden Ausgaben müssen diesmal mit laufenden Einnahmen ausgeglichen werden. Wir treiben russischen Zuständen ohne Bolschewik zu, wenn das nicht geschieht. …
   Da der Versuch, die Löhne zur Tragung der Kriegslasten heranzuziehen, unfehlbar an dem Umstande stranden muss, dass der Lohn bei bestehender Freizügigkeit eine unantastbare internationale Größe ist, dass unsere besten Arbeiter in Scharen auswandern würden, sobald Steuern direkter oder indirekter Art den Sachlohn unter den internationalen Stand senken, so schaltet der Lohn als Steuerquelle vollständig aus, sowohl für direkte wie für indirekte Steuern. … Wir werden alle Schulden des Reiches mit Einschluss der Ententeforderungen zusammen mit den laufenden Reichsausgaben restlos von der Reichskasse auf das Kapital abbürden. …
   Wir werden darum das Realvermögen mit 75 % der Vorkriegsschätzung (Goldmark) belasten … Nachdem auf diese Weise zunächst einmal alle Vermögensbesitzer den Kriegsfolgen gegenüber gleich gestellt worden sind und damit erst eine brauchbare Unterlage für die gestaffelte Vermögensabgabe geschaffen wurde, schreiten wir zur Erhebung dieser Abgabe in dem Umfang, wie sie für die vollkommene Abbürdung aller Reichsschulden … für nötig erachtet wird. Unter Berücksichtigung der Geldentwertung und um die weitere Proletarisierung des Volkes nach Möglichkeit zu verhindern …, wird für die gestaffelte Vermögensabgabe das steuerfreie Vermögensminimum auf die verhältnismäßig hohe Summe von 50.000 M. festgesetzt. Von da ab setzt die Vermögensabgabe ein, deren Staffelung mit 5 % beginnt und mit 100 % abschließt und so bemessen ist, dass das nach der Erhebung der Steuer verbleibende Vermögen im Höchstfalle eine Million für den Kopf, also 10 Millionen Papiermark für eine zehnköpfige Familie nicht übersteigt. …
   Wir müssen die Sicherheit haben, dass die Steuern unter allen Umständen zur Bilanzierung des Etats ausreichen werden. … Es darf unter keinen Umständen zu einer zweiten, dritten, vierten usw. Vermögensabgabe kommen. … Mit der wie oben bemessenen Vermögensabgabe wird nun jeder wissen, woran er ist, und wird sich gleich mit Macht an den Wiederaufbau seiner Privatwirtschaft setzen – in dem sicheren Bewusstsein, dass die Finanzen des Reiches nunmehr saniert sind und dass, was er sich von seinem Munde abspart, er für sich spart. Lassen wir dagegen durch eine niedrigere Bemessung der Steuersätze irgendeinen leichten Zweifel im Volke, ob solche Sätze auch genügen werden zur Bilanzierung des Etats, ob nicht doch noch die Notenpresse in Bewegung gesetzt werden muss, dann erlahmen auf der ganzen Breite der Wirtschaft die Kräfte, und dann kommt mit Naturnotwendigkeit gerade das, was das Volk befürchtete, als unmittelbares Produkt seiner Zweifel, eine neue Papiergeldflut, Zerreißung aller Verträge, aller mühsam wieder angeknüpften Fäden. … Wenn die Geldwirtschaft ganz versagt? Das wäre der Untergang, denn es wäre der Untergang der Arbeitsteilung. Dieser Möglichkeit muss unbedingt vorgebeugt werden. Die Vermögensabgabe muss auf den ersten Hieb das Ziel erreichen, die Reichsfinanzen in Ordnung zu bringen.“

An das deutsche Volk! (1921), in: Band 12, S. 305 – 310.


   „Der Mensch ist verloren, wenn er die Geschichte nicht zu Rate zieht, die Zeichen nicht deutet. Er ist aber erst recht verloren, wenn er die Zeichen falsch deutet. Und das haben wir getan. Der Schein hat uns betrogen. Unser geschichtlicher Wegweiser wies auf die Notwendigkeit der Rüstung hin und die Rüstung brachte uns den Krieg. Die Zeichendeuter wiesen auf die Notwendigkeit des kriegerischen Geistes zum Schutze des Staates hin. Diesen Geist flößten wir der Jugend ein und der kriegerische Geist brachte uns den Krieg, gegen den wir uns doch nur schützen wollten.“

Die Natürliche Wirtschaftsordnung (1920), in: Band 11, S. 233.


   „Der Kaiser hat man abgesetzt. Den Überkaiser, die Reichsbank, lässt man im Amte. Und das nennt sich Revolution!

Ein Flugblatt des Reichsbankdirektoriums (1920), in: Band 12, S. 199.


   „Der Freiland-Freigeld-Bund lenkte seinerzeit die Aufmerksamkeit der Nationalversammlung in Weimar durch eine Eingabe und Denkschrift frühzeitig genug auf die Währungsfrage. Der Erfolg war überraschend. Die Nationalversammlung vergaß, das Geldwesen in die Verfassung einzubauen!! So hat nun in dieser weitaus wichtigsten öffentlichen Angelegenheit ein armseliges Häufchen weltfremder Bürokraten autokratische Vollmacht.“

Riesenblüten des C. Papyrus Havensteinius (1921), in: Band 13, S. 20.


   „Welches Volk wird denn Lust verspüren, sich dem in Belgien eingebrochenen, von der ganzen Welt geächteten, mit Schuld und Schulden beladenen deutschen Volke anzuschließen? Und dennoch geht es, wenn wir es richtig anzufassen verstehen, wenn wir im eigenen Lande vorbildliche soziale Zustände schaffen, die Sicherheit für Leben und Eigentum, Freiheit und Unabhängigkeit zu wahren und zu mehren wissen, den Kommunismus, Bolschewismus, Sozialismus, Bürokratismus überwinden und aus der Sackgasse, in die uns der Kapitalismus geführt, einen Ausweg bauen auf die Bahn der persönlichen Freiheit und Entwicklung. Kurz, wenn wir für den gewaltigen Abgang an wirtschaftlichen Gütern Ersatz auf anderen Gebieten zu schaffen wissen und anstatt den ausländischen Rentiers Braten und Wagnerfestspiele zu bieten, ganzen Völkern eine Schaustellung zu geben wissen, wie es in einem an der Gerechtigkeit gegen jeden Mann sich orientierenden Lande, in einem Volksstaate zugeht.
   Jedes Ding hat zwei Seiten. Auch die Niederlage hat sie. Das deutsche Volk ist jetzt dank der erlittenen Niederlage geistig und wirtschaftlich besser vorbereitet für den inneren Sieg, um von den Bürgern die nötigen Opfer fordern zu können, als dies bei den Siegern der Fall ist. Der helle Schein der Gerechtigkeit hebt sich bei ihm von den düsteren Wolken der Niederlage deutlicher ab. Der Besiegte ist darum dem inneren Sieg, dem Sieg über sich selbst und über alle Vorrechte ungleich näher als der Sieger. Und das ist die zukunftsfrohe, die schöne Seite der Denkmünze unserer Niederlage. Wenn irgendein Volk jemals Aussicht gehabt hat, die uralte soziale Frage zu lösen, den Kapitalismus zu überwinden, so ist es jetzt das deutsche Volk. Nützen wir die kostbare, nie wiederkehrende Gelegenheit aus – lassen wir den Traum Christi, den Traum Moses, den Traum aller Idealisten und Utopisten Wirklichkeit werden.“

Der Abbau des Staates nach Einführung der Volksherrschaft,
(Nachwort zur 2. Aufl. 1921), in: Band 13, S. 77 – 78.


   „Die Erde gehört niemandem, auch nicht den Völkern, auch nicht den Staaten. Die Erde – und mit ihr die Kohle – gehört der Menschheit. … Wie viel sicherer würden sich Deutsche und Polen fühlen, wenn die Kohlen Gemeingut der Menschheit wären? Und ist nicht das Sicherheitsgefühl erste und wichtigste Voraussetzung für ein gerechtes Urteil und für ruhiges Handeln? Und wie gleichgültig würden die Oberschlesier selber – Polen sowohl wie Deutsche – der Abstimmung entgegensehen, wenn die Kohlenfrage im genannten Sinn gelöst wäre? Wenn die Kohlenfrage mindestfordernd in Verding gegeben, der Kohlenverkauf meistbietend erfolgen würde? Wenn die so etwa entstehende Kohlenrente allen Müttern ohne Ansehen der Nationalität, der Rasse, der Sprache, der Religion in monatlichen Barzahlungen ausgerichtet würde? Und wenn so der Zankapfel Oberschlesiens, die Grundrente, gemeinsam von den polnischen und deutschen Kindern, denen sich auch noch beliebig andere zugesellen mögen, verzehrt wird und damit der volle Bürgerfriede sich einstellt, wer wird da in Oberschlesien noch ein Interesse an der Stärkung der Staatsgewalt zeigen?“

Freikohle – Die Formel für den Frieden in Oberschlesien (1921),
in: Band 13, S. 93 – 94.


   „Frankreichs Benehmen Deutschland gegenüber ist ein Produkt der Furcht und der wirtschaftlichen Not. Der Hass spielt hier eine geringe Rolle. Man kann wohl einen Augenblick hassen. Die Franzosen sind aber vielleicht die letzten, die sich solcher nachlässigen Gemütsstimmung heute hinzugeben brauchen. Der Sieger hasst nicht. Hasst etwa der Fuchs die Gans, die er im Maule hat? Hat aber das französische Volk vielleicht Grund, das erstarkende Deutschland zu fürchten? Wir haben hier in Deutschland noch nichts getan, um das Vertrauen der Franzosen in unsere Friedensliebe zu stärken. Das Kriegsgerät haben wir vernichtet, weil wir es vernichten mussten, nicht weil wir an den Völkerfrieden glaubten. Wir haben von dem barbarischen Gerät nicht eine Patrone mehr vernichtet als wir vernichten mussten. Geistig sind wir noch bis an die Zähne ‚gerüstet’. … Übrigens kann auch nur der Mann den Glauben an den ewigen Völkerfrieden hegen und allen Ereignissen zum Trotz sich immer offensichtlich zu ihm bekennen, der die Triebkräfte des Krieges nicht in der Natur des Menschen, sondern in äußeren, der Umgestaltung zugänglichen Dingen gefunden hat.“

Der Preisabbau und das Ultimatum (1921), in: Band 13, S. 141 – 142.


   „Wie verschaffen wir der Reichsregierung die nötige Macht und Gewalt zu den durchgreifenden Maßnahmen auf finanziellem Gebiet, die zur Rettung von Staat und Volk unerlässlich geworden sind? Dass es mit Parteikoalitionen, bei denen der eine Teil nach rechts und der andere nach links zielt, nicht geht, das haben Sie uns, Herr Reichskanzler, durch Ihren wiederholt angebotenen Rücktritt klar genug gezeigt. Es ist erwiesen, dass eine kapitalistisch orientierte Regierung, die nichts anderes erstreben will noch kann als die Wiederherstellung der alten Zustände, an der Empörung der Massen, am verzweifelten Widerstand von Tausenden von Desperados in führenden Stellungen von vorn herein zum Scheitern verurteilt ist (siehe Kapp). Es ist aber auch ebenso klar erwiesen, dass das Programm dieser Massen – SPD-USDP-KPD – der Natur des Menschen widerspricht und für unsere auf Weltwirtschaft angewiesene Volkswirtschaft nicht in Betracht kommen kann (siehe Russland).
   Die Linke versagt also – die Rechte versagt auch. Die Koalition versagt. Zugleich aber ist eine starke, schlagfertige Regierung nie nötiger gewesen als heute. Bedenkt man, dass unter den Koalitionsregierungen der letzten drei Jahre das Vermögen der Gläubiger im Betrag von 180 Milliarden Goldmark auf ebenso viel Papiermark hinab verwirtschaftet worden ist, so erkennt man, dass wir russischen Zuständen zutreiben, die für ein Industrievolk wie das unsrige den Tod bedeuten. Das Floß, auf dem wir treiben, das Sie, Herr Reichskanzler, führen, wird uns nur noch kurze Zeit eine Zuflucht sein können. Im Mahlstrom der Valutaschwankungen und Börsendifferenzen wird dieses Floß an den Klippen von Hungerrevolten zerrissen werden. Schon jetzt wird es nur dadurch flott gehalten, dass wir in erschreckend wachsendem Maße Greise, Kranke, Kinder, Rentner zu Tausenden über Bord gehen lassen.
   Wir brauchen eine starke Regierung, Herr Reichskanzler! Hie Kapitalismus – hie Sozialismus, eine Koalition mit diskrepierenden Tendenzen. Eine unlösbare Aufgabe. Es muss also, soll das deutsche Volk aus dem Engpass heraus, etwas grundsätzlich Neues geschehen. Das in beiliegendem ‚Sammelruf’ skizzierte und in der mitgehenden Literatur entwickelte freiwirtschaftliche, antikapitalistische Programm zeigt dieses Neue. … Bei der Hinaussendung dieses ‚Sammelrufes’ ziemt es sich, dass ich das erste Exemplar dem ersten Staatsmann des Reiches in die Hände reiche. Sollten Ihnen, Herr Reichskanzler, mündliche Erklärungen erwünscht sein, so bin ich dazu selbstredend zu jeder Zeit bereit.“

Brief an Reichskanzler Dr. Josef Wirth vom 3.3.1922 aus Rehbrücke
http://www.silvio-gesell.de/html/briefe.html


   „Jedes Ding hat zwei Seiten. Auch die Reparation hat sie. Wenn wir hier in Deutschland den Druck der Ententesoldaten benutzen, um die inneren Widerstände, die sich gegen die Lösung der sozialen Frage auftürmen, zu brechen, so ersparen wir damit den Bürgerkrieg, der vielleicht sonst unvermeidlich wäre. Dann werden wir vielleicht in einigen Jahren sagen, wenn wir von der Höhe des sozialen Friedens die Blutströme betrachten, die in den anderen Ländern im Kampf um das selbe Ziel vergossen werden, ausrufen: Wie billig bist du, Michel, durch die Reparationen zum sozialen Frieden gekommen!“

Denkschrift an die deutschen Gewerkschaften zum Gebrauch bei ihren Aktionen in der Frage
der Währung, der Valuta und der Reparationen (1922), in: Band 13, S. 292.


   „Mit der Sachwertsteuer soll die Möglichkeit gegeben werden, den Etat mit Einschluss der Ententeforderung zu bilanzieren, damit die alles zerstörende Notenpresse endlich stillgelegt werden kann. Ob und wie weit die Ententeforderung rückwärts revidiert wird, ist noch unbestimmt. Und diese Ungewissheit hat für Deutschland, wenn sie noch Jahre andauern sollte, entschieden viel größere Nachteile als wenn wir auf die Revision verzichteten und die Maßnahmen ergriffen, um das ‚Unmögliche’ zu erfüllen. … Dass wir überhaupt zahlen können, sobald die Weltwirtschaft durch Sanierung der Währung wieder in Gang gesetzt sein wird, und dass wir nicht wenig werden zahlen können, steht für die Ententestaaten wenigstens wohl kaum in Zweifel. Wenn wir nur das abliefern, was wir durch die Abrüstung, durch die Abstoßung der beiden ‚Not leidenden agrarischen und durch Zölle geschützten’ polnischen Provinzen, durch den ‚Verlust’ der Kolonien sparen werden, so dürfte das allein schon für die Reparationen ausreichen.“

Denkschrift an die deutschen Gewerkschaften zum Gebrauch bei ihren Aktionen in der Frage
der Währung, der Valuta und der Reparationen (1922), in: Band 13, S. 322.


   „Viele sind, die glauben, dass ein ‚großer Staatsmann’ das deutsche Volk aus der jetzigen schwierigen Lage retten könnte und aus diesem Glauben heraus wächst die seufzend hervorgebrachte Klage, dass es an wirklich großen Staatsmännern heute in Deutschland gebricht. Tatsächlich sind auch große Staatsmänner etwas Seltenes, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern überall in der Welt. …
   Man vergesse nicht, dass wir heute ein fast restlos in Parteien organisiertes Volk sind und dass einem Staatsmann nur durch Anschluss an eine Partei Gelegenheit geboten wird, seine staatsmännischen Fähigkeiten zur öffentlichen Beurteilung zu bringen. Und da eben erhebt sich die Frage: Kann ein großer Mensch, als welchen wir doch auch den großen Staatsmann ansehen wollen, irgendeines der engbrüstigen Parteiprogramme gutheißen und sich gar in den Dienst einer Partei stellen? Ein großer Mensch strebt immer nach dem Universellen, sein Blick umfasst das ganze Volk. Mit einem Teil, mit einer Partei kann er nichts anfangen. Er lehnt den Parteigeist glatt ab und setzt sich damit selbst den Stuhl vor die Tür. …
   Wie in einem wirklich großen Mutterherzen nur wenig Raum ist für die Unterscheidung: meine Kinder – deine Kinder, so ist auch im Herzen des großen Staatsmannes kein Platz für den Parteigeist. Das, was das Volk sich unter einem großen Staatsmann vorzustellen pflegt, entspricht genau dem, was ihm als Idealgestalt eines Königs vorschwebt, ein Mann, der mit Um-, Vor- und Nachsicht, aber doch ohne Rücksicht das Wohl des ganzen Volkes erstrebt und dabei ‚objektive Gerechtigkeit’ gegen alle Menschen in seinem Reiche walten lässt. Einen solchen Kerl hat es wohl noch nie gegeben, aber als Idealfigur lebt er in den Köpfen unserer harmlosen ‚monarchisch empfindenden’ Mitbürger. Und solchen Mann suchen sie jetzt, um ihn an die Spitze des Klassenstaates zu setzen!“ 

Die Diktatur der Not (1922), in: Band 14, S. 61 – 62.


   „Wir werden arbeiten müssen, und zwar schwer, um den Schaden wettzumachen. Und werden zu diesen Arbeiten alle die heranziehen, die bis dahin von Renten und Zinsen lebten. … Für viele wird das sehr bitter, für manche aber auch sehr heilsam sein. In diesen Kreisen, die wohl immer etwas zu leichtfertig vom Kriege redeten, wird man einen gewaltigen Respekt vor dem Kriege bekommen. Das wird auch sein Gutes haben. Viele werden das Leben von einer neuen Seite her kennen lernen. Es wird sich nicht mehr erschöpfen in Paraden, Uniformen, in der Anbetung des Staatspopanz. Man wird sich besinnen, dass wir nicht des Staates wegen da sind. Man wird persönliches Lebensglück fordern. Der Staat wird als Mittel zum Zweck betrachtet werden und man wird sich erinnern, dass kleine Staaten oft sehr große Menschen beherbergt haben. Und dann werden die Tränen versiegen darüber, dass der Staat der Hohenzollern zerfiel, und jeder wird danach trachten, sich selbst zum rocher de bronche zu machen.
   Das deutsche Volk wird das Volk der Arbeit sein. Nur wo man arbeitet und soweit man arbeitet, entwickelt sich Leben, Liebe, Freiheit, Stolz und Mut. Dann wollen wir nach 20 Jahren das deutsche Volk vergleichen mit dem Häufchen Unglück, das aus dem Kriege heimgekommen ist. Und dann werden viele vielleicht sagen, dass die schwere Last der Reparationen ein Glück für das deutsche Volk gewesen ist.“

Das Trugbild der Auslandsanleihe (1922), in: Band 14, S. 113 – 114.


   „So, wie die Dinge liegen, führen alle Wege zur Rettung des Deutschen Reiches über die Reparation, und zwar Reparation nach dem Wortlaut des unrevidierten Diktates von Versailles. Wir müssen uns auf die Zahlung einrichten.“

Die Bewaffnung des Proletariats (1923), in: Band 14, S. 225.


   „Vier Jahre haben wir nun in der Hoffnung auf Revision vertrödelt. Mit welchem Erfolg? Vier Jahre haben wir allen denen, die die für die Erfüllung nötige Vermögensabgabe zu fürchten hatten, Zeit gelassen, große und kleine Teile ihres Vermögens, dem Beispiel des Kaisers folgend, über die Grenze zu retten. … Cassel, Keynes und alle anderen Sachverständigen finden in der Welt niemanden, der ihren Aussagen Glauben schenkt. … Nie ist es zu spät, das Richtige zu tun. Unendlich viel besser wäre es gewesen, wenn wir gleich das Richtige begonnen hätten.“

Vorschlag zur Befreiung von der Fremdherrschaft (1923), in: Band 14, S. 315 – 317.


   „Wir müssen uns im Deutschen Reich daran gewöhnen, die volle Wahrheit zu sagen. Es ist genug gelogen worden. Die Lüge hat uns dahin gebracht, wo wir jetzt sind. Mit Hilfe der Lüge wurden die Sparkassenbücherbesitzer davon abgehalten, ihr Guthaben abzuheben und sich auf irgendeine Weise vor dem völligen Verlust ihrer Notgroschen zu sichern. Um die Verantwortung für diesen ungeheuren Betrug von sich abzuwenden, erfand man den Satz, dass die deutsche Mark ‚sich’ entwertet habe, als ob es sich hier um ein Naturereignis und nicht um eine Tat von Menschen, um eine Taktik gehandelt hätte, durch die die Sachwertbesitzer vor der schrecklichen Sachwertsteuer geschützt werden sollten. Hilferding (SPD) sollte sich nun nicht auch solche Politik zu eigen machen, er sollte gerade heraus sagen, wie sich in Wirklichkeit die Dinge verhalten. Die deutsche Mark ist durch die Währungspolitik entwertet worden und wird durch die Währungspolitik fortschreitend weiter entwertet. So hätte Hilferding sich ausdrücken müssen. … Vom Entwurf Hilferdings können wir keine Besserung unserer währungspolitischen Lage erwarten.“

Was haben wir von Hilferdings Währungsbank zu erwarten? (1923),
in: Band 14, S. 378 und 382.


   „Stresemann hat den sozialistischen Finanzminister Hilferding aus dem Ministerium hinausgedrängelt. Es ist gut so. Entweder reiner Kapitalismus oder reiner Sozialismus. Die Kreuzung des Fuchses mit der Gans gibt keine gute Mischung. Kapitalismus oder Sozialismus mit allem Drum und Dran! Die sozialistischen Hemmungen des kapitalistischen Betriebes haben uns die Bürokraten gebracht, die die Wirtschaft zu erwürgen drohen. Dieser Bürokratismus ist gleich verhängnisvoll für die Kapitalisten wie für die Arbeiter, für alle. Ist das, was die Sozialisten uns bisher zeigen konnten, alles, was sie können, so ist die ‚Entwicklung’ der menschlichen Gesellschaft, des menschlichen Wesens eben noch nicht ‚reif’ für das, was sie erstreben. Dann müssen die Ausgebeuteten eben noch einige Jahrmillionen warten. Seit Christi Geburt wird der Sozialismus unausgesetzt gepredigt, seit bald zweitausend Jahren. Da spielen ein paar hundert Jahre keine Rolle mehr.“

Die Bewaffnung des Finanzministers (1923), in: Band 14, S. 384.

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